Foto: Jens Vogel/SPD Minden-LübbeckeBad Oeynhausen (WB). Über die NSU-Morde wurde lange und breit in den Medien berichtet. Es hieß, die Terrorzelle wäre ein Phänomen, das so in der Bundesrepublik die Ausnahme sei. Dass diese Art von Gewalt sich häufiger äußern könne und warum, erklärte Professor Dr. Wilhelm Heitmeyer, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld.
Eingeladen in die Volksbank Bad Oeynhausen-Herford an der Eidinghausener Straße hatten ihn der SPD-Gemeindeverband Hille und der SPD-Stadtverband Bad Oeynhausen. Unter dem Thema »Gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit - Wege für Toleranz und Demokratie aufzeigen« stellte der Träger des Göttinger Friedenspreises seine Beobachtungen vor. Und die waren nicht leicht verdaulich: »Die rechtsextremen Morde werden in ein Milieu gesteckt, das anscheinend von der Gesellschaft abgetrennt lebt. So entlastet sich die Gesellschaft selbst«, behauptete Heitmeyer.
Und da liege das Problem: In jeder Bevölkerungsschicht gebe es eine »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit«. Das betreffe beispielsweise die Abwertung von Behinderten und Arbeitslosen. Auch Rassismus und Sexismus fallen darunter. Der »ökonomische Gedanke« ziehe in die Köpfe der Menschen ein: Wer scheinbar nichts leiste oder nicht dem Ideal entspräche, sei minderwertig. Die Folge: »Eine Ideologie der Ungleichwertigkeit macht sich breit«, sagte Heitmeyer. Viele Gesellschaftsteile seien nicht integriert und spalten sich daher ab.
Anerkennung erhalten sie dann oft von rechtsextremen Gruppen, die anscheinend die »Desintegrationsängste« zerstreuen könnten, allerdings nur oberflächliche Kameradschaftsparolen bieten. Auch das Erkennen politischer Machtlosigkeit und Wut über den Macht- und Gesetzesmissbrauch sogenannter »gesellschaftlicher Eliten« trägt seinen Teil dazu bei. Das wollen der Professor und seine Mitarbeiter in einer Langzeitstudie von zehn Jahren herausgefunden haben.
Jeder Bürger ist einzelnverantwortlich, gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit vorzugehen, meinte Heitmeyer. Man müsse schon anfangen, rechtslastige Stammtisch- und Vereinsparolen nicht mehr zu überhören und sich aktiv gegen eine drohende »Schweigespirale« zur Wehr setzen. Die heutigen Rechtsextremen hätten sich stark verändert, betonte Heitmeyer, nichts mehr mit Glatzen und Springerstiefeln. Er sagte: »Neonazis sind heute viel breiter aufgestellt. Das Motiv des prügelnden Skinheads trifft es schon lange nicht mehr.« Rechtsextreme Parteien wie NPD oder Pro Deutschland seien nur das, was am Ende dabei heraus käme. Sie einfach zu verbieten, so die Botschaft, würde nichts an der Situation in Deutschland ändern.
Klare Worte fand Heitmeyer daher für Politiker und Gruppen, die ein Verbot beispielsweise der NPD fordern: »Denen ist nicht mehr zu helfen, die so etwas wollen.« Der Friedenspreisträger machte mit deutlichen Worten jedem Einzelnen klar, sich »erst einmal an die eigene Nase zu fassen« und das Problem vor der eigenen Haustür zu erkennen, wofür er vom Publikum aufrichtigen Applaus und viel Zuspruch in der sich anschließenden Diskussionsrunde erhielt.
Bildunterschrift:
Sven Berger (SPD Bad Oeynhausen), Wolfgang Spanier, Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer, Robin Niermann (SPD Hille) & Ulrike Grannemann (SPD Hille)
Quelle: WB-Artikel vom 21.09.2012