SPD Ortsverein Hille

Politik mit Herz

Über 100 000 Jahre herrschen

Veröffentlicht am 08.11.2010 in Bundespolitik

Der Castor rollt und im Wendland formiert sich Widerstand. Zehntausende Menschen stellen sich dem Atommüll in den Weg. Alle eint die Überzeugung, dass der radioaktive Schutt nicht ins niedersächsische Gorleben gehört. Doch wohin dann? Weltweit gibt es bislang noch kein einziges Endlager. Die Suche in Deutschland verläuft zuweilen obskur, obgleich sich eine philosophische Frage stellt: Wer übernimmt die Verantwortung für die nächsten 100 000 Jahre?

Die deutschen Kernkraftwerke produzieren jährlich 450 Tonnen Atommüll. Durch die nun beschlossene Laufzeitverlängerung um im Schnitt zwölf Jahre könnte die Abfallmenge um rund 4400 Tonnen wachsen, schätzen Experten. Große Zahlen. Und auch wenn 450 Kleinwagen als Vergleichsmasse erstaunen lassen, ist es ein fassbarer Wert. Viel unbegreiflicher ist der Zeitraum, in dem die hochradioaktiven Überreste Strahlung abgeben. Laut einem Bericht des Bundesumweltministeriums soll ein Endlager eine Million Jahre sicher sein. Der Mensch als Homo Sapiens existiert seit 100 000 bis 200 000 Jahren. An diesem schier nicht fühlbarem Verhältnis vom Hier und Jetzt und der bodenlos entfernten Zukunft lässt sich die Unmöglichkeit einer Standortsuche erkennen.

"Konkrete Standortauswahl- und Erkundungskriterien" gibt es nicht

Im Auftrag des Bundesumweltministeriums übernimmt in Deutschland das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) die Kontrolle der Endlagersuche. „Konkrete Standortauswahl- und Erkundungskriterien“ gibt es allerdings nicht. Einzig steht fest, dass bei einer Lagerung des Atommülls keine Radioaktivität nach außen dringen kann, die Mensch und Umwelt gefährden würden.

In Anbetracht der Tatsache, dass bislang kein Land der Welt ihren Atommüll in einem geeigneten Endlager deponiert hat, stellen sich zwei Fragen. Sind Wissenschaft und Politik überhaupt in der Lage nach dem heutigen Erkenntnisstand einen Ort zu finden, an dem das strahlende Gut sicher verschlossen bleibt? Und selbst wenn dieser Ort existiert, wer kann jetzt verantworten, wie sich die Menschheit in 100 000 Jahren zu einer verschlossenen Tür in die Tiefe verhält, an der ein Gefahrenschild hängt?

Ergebnis ist bis heute ein Schieben von Schacht zu Schacht

Auch wenn besonders Letzteres die Gedanken um die Unmöglichkeit einer Antwort kreisen lässt, drängen die Verantwortlichen mit Beginn der Endlagersuche, in den 70er Jahren, nach einer Entscheidung. Ergebnis ist bis heute ein hilfloses Schieben des riskanten Abfalls von einem Schacht in den anderen. So hat jedes Kernkraftwerk seit 2005 ein Standortzwischenlager und es gibt zwei zentrale Zwischenlager.

Die Übergangsdeponie in Gorleben wird derzeitig verstärkt "erkundet", ob im dortigen Salzstock ein Endlager eingerichtet wird, in dem der Atommüll auf Dauer bleiben könnte. Über dieses mögliche Endlager wird bereits seit den 70er Jahren gestritten. Die beschlossene Laufzeitverlängerung hat das Feuer von Zorn und Unverständnis bei den Bewohnern der Region neu entfacht.

Wissenschaftliche Kriterien wurden politischen Willen untergeordnet

Von Greenpeace veröffentlichte Akten belegen, dass bei der Auswahl wissenschaftliche Kriterien dem politischen Willen untergeordnet wurden. Die niedersächsische Landesregierung unter Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) habe 1977 Gorleben als Standort ins Gespräch gebracht und eine Erkundung durchgesetzt. Albrecht wird in einer Notiz mit den Worten zitiert, das Endlager werde „entweder bei Gorleben oder überhaupt nicht in Niedersachsen gebaut“. Risiken wie Gasvorkommen und die Gefahr von Wassereinbrüchen sollen bewusst verschwiegen worden sein. Eine politisch gewollte Entscheidung liegt also nah: Gorleben lag damals an der Grenze zur DDR, in einer strukturschwachen Region.

Und selbst wenn die 250 Millionen alten Salzformationen den Anforderungen für ein solches Endlager entsprechen, möchte niemand eine nukleare Müllhalde vor seiner Haustür haben. In Deutschland jedenfalls.

Finnland baut erstes Endlager der Welt

Im einem finnischen Dorf namens Olkiluoto ist man da gelassener. „Onkalo“ heißt „kleine Höhle“ und steht für das einzige künftige Endlager der Welt. Knapp 1000 Kilometer Luftlinie von Berlin. Es wird entschlossen gebaut und gebohrt. In zehn Jahren könnten die ersten Brennstäbe in 420 Metern Tiefe eingelagert werden. Ist das Lager irgendwann um das Jahr 2120 gefüllt, wird es mit Unmengen Beton komplett versiegelt. Für alle Zeiten und sicher, wie die Konstrukteure behaupten. Eine Betriebsgenehmigung gibt es noch nicht. Aber die Betreiber zweifeln nicht daran. Denn „Onkalo“ ist willkommen bei den Finnen.

So bekamen die heimischen Kraftwerksbetreiber ihre Pläne für das Endlager unversehens glatt durch: Kaum Proteste von Anwohnern, fast durchweg positive wissenschaftliche Gutachten, wegen der vielen neuen Jobs begeisterte Kommunalpolitiker, und 2001 eine sagenhafte Parlamentsmehrheit von 159 Ja- und 3 Nein-Stimmen für das drei Milliarden Euro teure Projekt.

Antworten haben auch die Finnen nicht

Doch das finnische Ja zum Bau gibt keine Antworten auf die Fragen, die in Deutschland Politik und Bevölkerung beschäftigen. So ist das Projekt, trotz Jubel über Wohlstand und Arbeitsplätze, zunehmend Kritik ausgesetzt. Wissenschaftler haben den Betreiber mit starken Zweifeln vor allem an der Standfestigkeit des Endlagers in einer Eiszeit in Bedrängnis gebracht. Die Verantwortung für folgende Zeitalter bleibt ebenso wenig geklärt.

In seinem Dokumentarfilm „Into Eternity“ geht der dänische Regisseurs Michael Madsen der Entschlossenheit zum Bau des riesigen Tunnelsystems auf den Grund. In Interviews versuchen die finnischen Manager und beteiligten Wissenschaftler ihre Überzeugung von dem Projekt begreiflich zu machen. Eine Ambivalenz schwingt gleichwohl mit. Ungewissheit und Zweifel sind herauszuhören. Dann wieder Erleichterung. Denn Uranium sei schließlich endlich.

Die größte Gefahr für so ein Lager ginge von den Nachfahren aus, darin waren sich die meisten einig. Denn die Nachkommen dürften nie vergessen, „Onkalo“ zu vergessen. Sie müssten lernen, die Erinnerungen daran auszulöschen, und das für alle kommenden Generationen.

Ob Treppenwitz oder notwendige Auseinandersetzung in der Endlagerdebatte - was bleibt, ist ein ohnmächtiges Gefühl gegenüber einer Technologie, die neben Radioaktivität insbesondere Unbeherrschbarkeit ausstrahlt.

 

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