Bekleidungsmarkt und Discounter werden gebaut / Verwaltung scheut Kostenrisiko eines Gerichtsprozesses
Minden (mt). Der Bagger ist da - das jahrelange Tauziehen um die Grille ist vorbei. Der ehemalige Vergnügungstempel weicht einem Bekleidungsmarkt (Kik) und einem Discounter (Netto). Der Petitionsausschuss des Düsseldorfer Landtages und das Verwaltungsgericht haben Fakten geschaffen, mit denen weder Verwaltung noch Politik glücklich sind.
Am deutlichsten machte Norbert Weigang (CDU) seinem Ärger Luft. "Als Politiker möchte ich mir das eigentlich nicht gefallen lassen", sagte er am Mittwoch im Bauausschuss. Es ist weniger der Abriss des ehemals denkmalgeschützten, aber längst baufälligen Gasthauses, der die CDU ärgert, sondern vielmehr die Zukunft des Geländes an der Viktoriastraße: Ein Bekleidungsmarkt (500 Quadratmeter) und ein Discounter (800 Quadratmeter) werden jetzt dort gebaut.
Das widerspricht eigentlich dem Einzelhandelsgutachten der Stadt. Dieses Gutachten rät nämlich, zwischen den beiden Nahversorgungsstandorten Viktoriastraße/Bachstraße und der Boga in Meißen keinen weiteren Einzelhandel in der Nähe anzusiedeln. Im Gegenteil: Dort steht, dass diese beiden gestärkt und ausgebaut werden sollten. Darum hat Norbert Weigang im Bauausschuss unter dem Tagesordnungspunkt "Vorliegende Bauanträge" vorgeschlagen, eine Veränderungssperre zu beantragen. Allerdings: Eine Teilbaugenehmigung haben die Grille-Investoren schon. Damit kann ein Bauherr loslegen, bevor die Baugenehmigung erteilt ist. Mit dem endgültigen Bescheid rechnet der Mindener Architekt Jörg Albersmeier in diesen Tagen.
Mit seinem - vermutlichen letzten - Vorstoß hatte Norbert Weigang keinen Erfolg, obwohl die Verwaltung die Auffassung der CDU teilt. Fachbereichsleiter Klaus-Georg Erzigkeit erklärte vor dem Ausschuss, dass gemeinsam mit Bürgermeister Michael Buhre (SPD) das Pro und Contra einer Klage schon abgewägt wurde. Ergebnis: Das Kostenrisiko für den Fall, dass die Stadt einen Prozess verliert, liege im siebenstelligen Bereich - und sei damit zu hoch für die finanziell angeschlagene Kommune. Erzigkeit: "Dieses Kostenrisiko wollen wir nicht vor uns herschieben. Die Chance, solch einen Prozess zu gewinnen, erscheint uns zu klein."
Viel Mindener Nostalgie hing an der Grille
Auch Bürgermeister Michael Buhre sagte dem MT, er könne sich eine bessere Lösung an der Viktoriastraße vorstellen als ein Bekleidungsgeschäft und einen Discounter. Aber: "Die Stadt sieht keine andere Möglichkeit, als den Bauantrag zu genehmigen."
Damit endet ein Meinungsstreit, der sich über Jahre hingezogen hat. Auch Architekt Jörg Albersmeier, der sich seit langem für den Abriss einsetzt, dürfte froh sein, dass das Thema vom Tisch ist. Er hat viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Albersmeier: "Lediglich Inge Howe, die Vorsitzende des Petitionsausschusses, hat als einzige eine klare Linie in dieser Frage gehabt." Der Fall Grille lag für die SPD-Politikerin im wahrsten Sinne des Wortes nahe: Sie ist Landtagsabgeordnete für den Kreis und kommt aus Minden.
Die baufällige Grille wurde vor allem deshalb ein Politikum, weil sie erstens lange unter Denkmalschutz stand und zweitens viel Mindener Nostalgie damit verbunden ist. Viele Generationen haben dort gefeiert. Der für mehr als 600 Menschen zugelassene Saal war einer der größten der Stadt. Acht Seiten mit zehn Abbildungen widmet allein ein Band der Reihe "Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen" dem ehemaligen Gasthaus. Es sei eines der "eindringlichsten Beispiele eines Ausflugszieles vor den Toren der Stadt", heißt es dort. 1807 als Gasthof erbaut, war schon 1818 von einem Saal der Rede.
Quelle: MT-Online vom 24.10.2008