Behinderten-Beauftragte Karin Evers-Meyer besucht die Lübbecker Werkstätten
Lübbecke (nw). Vertreter aus zehn Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Ostwestfalen-Lippe trafen sich in Lübbecke zum Gespräch mit der Beauftragten der Bundesregierung für Menschen mit Behinderung, Karin Evers-Meyer. Sorgen um die zukünftige Entwicklung der Einrichtungen standen im Zentrum des Gesprächs.
Eine eindeutige Antwort hatte die Behindertenbeauftragte parat: "Die Werkstätten sollen sich als Zentrum für Teilhabe, Arbeit und Bildung weiterentwickeln. Sie sind kein Auslaufmodell - aber sie unterliegen dem Wandel."
Als Vertreter der Werkstätten konnte Bernd Wlotkowski (Geschäftsführer Lübbecker Werkstätten) eine große Anzahl von Menschen mit Behinderung aus den Werkstatträten sowie Leitungskräfte begrüßen. Dabei handelte es sich überwiegend um Lebenshilfe-Einrichtungen, die im Paritätischen Wohlfahrtsverband organisiert sind. Von diesen Werkstätten werden etwa 6.000 Menschen (davon 800 in Lübbecke) beschäftigt und betreut. Zum Gespräch waren auch Lothar Ibrügger (MdB), Inge Howe (MdL), Hans-Joerg Deichholz (Kreissozialdezernent), Klaus Marschall (Kreis-Koordinator für Behindertenbelange) sowie Bürgermeisterin Susanne Lindemann gekommen.
Das Thema Arbeit habe für die Beschäftigten in Werkstätten einen besonderen Stellenwert, betonte Wlotkowski: "Unsere Beschäftigten gehen wie jeder andere Mensch täglich zur Arbeit. Sie verdienen Geld, sind selbstständig renten-, kranken- und pflegeversichert. Darüber hinaus bieten Werkstätten mehr als "nur" Arbeit. Sie sind auch der sozialen Rehabilitation verpflichtet. Sie bieten Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft."
Besonders schwer sei jedoch der Auftrag umzusetzen, Menschen mit geistigen, psychischen oder schwerstmehrfachen Behinderungen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu vermitteln, so Wlotkowski: "Bei so vielen Arbeitslosen ist eine Vermittlung nahezu unmöglich." Zu unterstellen, dass Werkstätten nicht nach besten Kräfte daran mitwirkten, sei nicht redlich. Rehabilitation sei der Auftrag. "Wir wünschen uns, dass wir stärker und umfassender eingebunden werden", so Wlotkowski. Es gebe jedoch entgegengesetzte Überlegungen. Bestrebungen, Kernbereiche wie den Berufsbildungsbereich aus den Werkstätten abzuziehen, dienten nicht der Bündelung von Ressourcen.
Die Kräfte sollten gebündelt und das vorhandene Potenzial in den Werkstätten besser ausgeschöpft werden. "Wir sollten darüber ins Gespräch kommen", lautete die Aufforderung an die Politik.
Karin Evers-Meyer erläuterte die gesetzlichen Veränderungen. Der Mensch mit Behinderung erhalte ein persönliches Budget. "Er tritt gegenüber der Einrichtung als Kunde und Arbeitgeber auf."
Diese veränderten Rahmenbedingungen seien Chance und Perspektive für Einrichtungen in der Behindertenhilfe. So forderte Evers-Meyer die Werkstätten auf, mehr Kooperation mit der Privatwirtschaft zu suchen. Gleichzeitig sollten Anreize für Werkstätten geschaffen und die soziale Sicherheit der Menschen auch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt sichergestellt werden.
"Wir können es uns in Deutschland nicht leisten, eine ganze Gruppe von arbeitsfähigen und arbeitswilligen Menschen außen vor zu lassen. Wir dürfen Menschen mit Behinderung nicht erst separieren, um sie dann zu integrieren."
Als Experte in eigener Sache war Jürgen Lindemann, Vorsitzender des Werkstattrates der Menschen mit Behinderung in der Werkstatt Gütersloh, nach Lübbecke gekommen. Ein Wechsel auf den allgemeinen Arbeitsmarkt sei nicht nur wegen mangelnder Stellen nahezu unmöglich, sagte er. Auch fehlende soziale Sicherheit erschwere den Schritt.
An den Vortrag der Behindertenbeauftragten schloss sich eine Diskussion an. Eine der Aussagen: "Wir leben immer schneller und müssen wissen, dass es nicht nur D-Züge gibt, sondern auch den Nahverkehr. Wir müssen auch die mitnehmen, die nicht so schnell sind."
Bildunterschrift: Bianca Utech (v.l.), Lothar Ibrügger, Karin Evers-Meyer, Viktoria Awizus, Inge Howe, Lotti Köster (vorn sitzend), Michael Mehltretter, Bernd Wlotkowski und Ralf Kammel.
Quelle: NW vom 15.12.08