SPD Ortsverein Hille

Politik mit Herz

Integration ist konkret

Veröffentlicht am 30.11.2010 in Bundespolitik

Die Integrationsforscherin Dr. Naika Foroutan bei der Konferenz am 29.11.2010 im Willy-Brandt-Haus. (Bild: Janis Winzer)

Am Montag fanden sich auf Einladung der SPD über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur Konferenz „Integrationspolitik in Deutschland. So jung und schon gescheitert?“ im Willy-Brandt-Haus zusammen und debattierten intensiv mit den eingeladenen Experten und dem SPD-Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel.
 
In seiner Eröffnungsrede warnte Gabriel vor Kurzatmigkeit beim Thema Integration: „Es ist vernünftig, die Debatte über eine lange Strecke zu führen. Wir müssen uns anstrengen und genau und gründlich hinsehen.“ Gabriel machte zwei Arten der Verunsicherung in der Bevölkerung aus, mit denen sich die SPD nun auseinandersetzen müsse: zum einen spürten Menschen mit Migrationshintergrund, die das Land bereichern, Ablehnung und überlegten darum, Deutschland zu verlassen. Zum anderen wertet er die Zustimmung zu Thilo Sarrazins Thesen als eine andere Art der Verunsicherung. „Wo Ängste unbegründet und überzogen sind, ist Aufklärungsarbeit geboten. Wo reale Probleme existieren, müssen sie angepackt werden“. Wichtig sei dabei, Beispiel gelungener Integration herauszustellen. „Die Skandalisierung“ von gescheiterter Integration gelinge nur, wenn gute Beispiele gleichzeitig verschwiegen würden, so Gabriel.

„Viele Antworten werden kommunaler Natur sein“

Eine moderne Integrationspolitik müsse von nun an unter dem Motto geschehen „Politik mit allen für alle“, so Gabriel. Selbstkritisch merkte er an, dass auch die SPD in der Vergangenheit eher Politik für Migranten gemacht habe, als mit ihnen. Wichtig sei auch, die Kommunen zu stärken: „Am Ende ist Integration konkret.“ Der Bund dürfe hier keinesfalls kürzen, sondern müsse die entsprechenden Finanzmittel bereitstellen, kritisierte der SPD-Vorsitzende. „Sozialpolitik muss Teilhabe für alle ermöglichen, sie muss mehr sein als Caritas“, forderte der Parteichef. „Menschen müssen erleben dass sie Chancen haben unabhängig von ihrer Herkunft.“ Konkrete Maßnahmen seien etwa Kindertagesstätten zu Familienbildungsstätten auszubauen, damit Integration in der Familie beginnen könne. Scharf kritisierte Gabriel darum auch das von der Bundesregierung geplante Betreuungsgeld: „Das Geld darf nicht ausgegeben werden, damit Eltern ihre Kinder zuhause behalten. Das ist ein Beitrag zur Desintegration.“ Das Geld müsse vielmehr direkt in Schulen und andere Institutionen gehen, und nicht in „Scheinpolitik wie Bildungsgutscheine“.

Integrationserfolge mit Bildung erreichen

Im Anschluss stellte Professor Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen Studienergebnisse zu Integration, Medienkonsum und Gewalterfahrungen von Jugendlichen vor. Von gescheiterter Integration könne man keinesfalls sprechen, so Pfeiffer. Besonders lohnend sei es, sich die unterschiedlichen Ergebnisse etwa zu schulischen Erfolgen auf lokaler Ebene anzuschauen. Wenn in Bayern nur 26 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund das Abitur anstreben würden, in Norddeutschland hingegen über 50 Prozent, müsse man sich die Frage stellen, durch welche strukturellen Weichenstellungen Jugendliche optimal gefördert werden könnten. „Wir haben zu wenige Ganztagsschulen. Wir müssen dem Motto verpflichtet handeln: Lust auf Leben wecken, durch Sport, Musik, Theater und soziales Lernen“, forderte Pfeiffer. Der Debatte von Familienministerin Schröder um „Deutschenfeindlichkeit“ stellte Pfeiffer entgegen: „Was Frau Schröder verschwiegen hat ist, dass Jugendliche, die „deutschenfeindlich“ agieren, zuvor selbst Diskriminierungserfahrungen gemacht haben.“

Echte Chancengleichheit für Jugendliche herstellen

Die Professorin Ursula Boos-Nünning vom Institut für Migrationsforschung schloss sich Pfeiffers Forderung nach Ganztagsschulen an. „Migranteneltern haben eine hohe Bildungsorientierung, aber sie wird nicht umgesetzt in Bildungserfolge“, zitierte Boos-Nünning ihre Forschungsergebnisse. Die Ursachen dafür seien nicht in den Familien zu suchen, sondern in den strukturellen Gegebenheiten der Bildungseinrichtungen. Boos-Nünning betonte, dass schon frühe Diskriminierung die berufliche Laufbahn von jugendlichen Migraten beeinflussen würde. Bei gleicher Leistung hätten Migrantenkinder seltener eine Empfehlung für das Gymnasium. Ein hoher Bildungsabschluss schütze sie nicht in gleicher Weise vor Arbeitslosigkeit wie Einheimische. „Wir müssen Jugendlichen mit Migrationshintergrund den gleichen Zugang zu Ausbildungsmöglichkeiten bieten“, so Boos-Nünning. Schulen mit einem hohen Migrantenanteil bräuchten nicht ein bis zwei Lehrer mehr, sondern mindestens ein Drittel mehr Personal. „Seid mutig – kommunal und landespolitisch“, forderte die Migrationsforscherin.

Ressentiments benennen

Die Leiterin des Projektes „Hybride europäisch-muslimisches Identitätsmodelle“, Dr. Naika Foroutan, griff in ihrem Impulsreferat die Kritik am Integrationsbegriff, den auch Ursula Boos-Nünning geäußert hatte, auf: „Integration beginnt für Migranten ein No-Go zu werden, ein Wort das man nicht mehr benutzt. Denn es steht für etwas, dass sie noch nicht erreicht haben. Der Druck schwingt mit.“ Boos-Nünning hatte zuvor angeregt von Partizipation und Teilhabe zu sprechen. Auch müsse man „weg vom Wort Kultur hin zum Wort Struktur“, so Foroutan: „Wir müssen Entfremdungsursachen benennen und wer dafür verantwortlich ist. Wir müssen Ressentiments benennen, Rassismus benennen. Integration ist nicht mehr die Frage, wenn trotz Erfolgen Ressentiments übrig bleiben.“

Wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Islam in Schulen

Der Religionswissenschaftlicher Professor Rauf Ceylan kritisierte, dass die Migrationsdebatte verschmolzen sei mit einer Debatte über den Islam. Muslime würden in Deutschland zudem nicht in normalen Kontexten abgebildet, sondern zu oft im Zusammenhang mit Kopftüchern, mit Terror, mit Angst. Ceylan setzt sich dafür ein, mehr Imame in Deutschland auszubilden und islamischen Religionsunterricht an Schulen anzubieten. Er sprach in seinem Vortrag Imamen eine wichtige Vertrauensfunktion für Jugendliche und Familien zu. Ihre Rolle in der Integration von Muslimen könne durch eine Ausbildung in Deutschland gestärkt werden. „Wir wissen nicht, wie islamische Inhalte zuhause vermittelt werden“, so Ceylan. „Nur 3 bis 4 Prozent der Kinder muslimischen Glaubens haben derzeit die Möglichkeit ihre Religion wissenschaftlich rational im Religionsunterricht zu reflektieren.“ Das sei entschieden zu wenig.

Ausländische Bildungsabschlüsse endlich anerkennen

Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, sprach von einer „Dämonisierung der Zuwanderung“. Aus Unsicherheit heraus versuche man „dem Ganzen über Religion ein Gerüst zu geben“.„Die christlich-jüdische Leitkultur gibt es nicht", so Kramer. Er nähme erstaunt zur Kenntnis, dass die „christlich-jüdische Leitkultur“ nun als Definition eines vielfältigen, offenen Landes benutzt würde. Kramer merkte zudem an, dass die geforderten Fachkräfte bereits zu hunderttausenden in Deutschland lebten. Es gäbe genügend Ingeneure, Facharbeiter und Wissenschaftler, deren Ausbildung nicht anerkannt würde oder es noch nicht einmal zur Überprüfung geschafft habe: „Wir lassen diese Menschen deprimiert und frustriert zurück.“ In seinem Schlussstatement lobte der Generalsekretär des Zentralrates der Juden, dass Deutschland ein fortschrittliches Land sei, in dem man spannend und kontrovers diskutieren könnte. Es gelte jetzt die Debatte mit Empathie anzugehen und sich über Emotionen zu unterhalten: „Welches Gefühl wollen wir bei den Menschen erzeugen, die wir einladen hier zu leben?

 

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